RAMMELHOF: IM KRIEG KANN ES NUR VERLIERER GEBEN

Die österreichische Gruppe Rammelhof stürmte die Musikszene unerwartet und laut. Über ihren Song über Wladimir Putin  "Wladimir (Put Put Putin) " haben alle ukrainischen Medien beinahe zeitgleich berichtet. Kurze Zeit später wurden sie auch in Russland zum Gesprächsthema. Im Lied geht es auch um die formlose "Rückkehr" der Krim zu Russland und darum, dass alle Nachbarstaaten, außer der Ukraine, von Putin an der kurzen Leine gehalten werden. Wenn dann noch das originelle, militarisierte Image der Gruppe mit den typisch russischen Mützen, Panzern, Hühnern, einer sowjetischen Medaillen, Wodka, einer zu Asche gewordene Ukraine-Landkarte und das brennende Wort DEMOKRATIE hinzu kommen, sowie die Erklärung der ukrainischen Medien, dass in germanophonen Ländern Hühner mit eben jenem "put-put-put " gerufen werden – dann wird endgültig klar, dass dieses Lied als pure Verhöhnung des russischen Präsidenten verstanden werden kann. Der Hit „Wladimir“ reiht sich ein in eine Folge von Musik, wie den Sprechchor ukrainischer Ultras und andere Spottlieder, die von solchen verfasst wurden, die Putin, sehr mild gesagt, nicht achten.

Wir haben direkt bei Rammelhof nachgefragt, was sie über Putin und die tragischen Ereignissen in der Ukraine denken. Die Fragen hat uns der Vokalist der Band, General Geri, beantwortet. Es ist klar, dass das Interview bei einem echten Gespräch ganz anders ausgesehen hätte, als es nun auf schriftlichem Wege zustande kam. Zusätzliche Fragen hätten gestellt werden können, auf Antworten und Konkretisierungen hätte bestanden werden können, usw. Nichtsdestotrotz sind wir dankbar, dass sich Rammelhof einverstanden erklärt und unsere Fragen beantwortet haben. Ebenso möchten wir uns bei Fanny Jacobson vom Wiener Mano Cornuta Artistmanagement bedanken, die an der Erstellung dieses Interviews mitgewirkt hat.

– Haben sie erwartet, dass ihr Song über Putin so schnell so bekannt in der  Ukraine wird?

– Nein, in keinster Weise! Das war absolut nicht vorhersehbar!

– Wussten sie, dass zu Beginn viele ukrainische Medien sie überstürzt als deutsche Band bezeichnet haben? Wie stehen sie dazu?

– Ja das haben wir aus den Kommentaren gelesen. Wir haben damit kein Problem als deutsche Band bezeichnet zu werden. 

– Bestimmt haben sie in den letzten Tagen ein riesiges Interesse für ihre Gruppe bemerkt, haben die vielen Likes auf ihrer Facebook-Seite gesehen, sowie Kommentare und Danksagungen von Ukrainern für ihre Haltung. Welche Kommentare sind ihnen am Meisten in Erinnerung geblieben oder haben sie am Meisten beeindruckt?

– Uns haben alle Kommentare beeindruckt. Uns tun die Menschen in der Ukraine leid, sie müssen einen fürchterlichen Konflikt erdulden. Und unser größter Wunsch ist, dass der Konflikt in der Ukraine so rasch wie möglich beigelegt wird.

– Gab es auch Anfeindungen von unzufriedenen Russen?

– Ja, die gab und gibt es leider auch!

– Über den Putin-Song haben auch russische Medien berichtet. Was denken sie - hat Wladimir Putin dieses Lied gehört? Waren sie sich bewusst darüber, dass egal was sie über ihn denken, der  Vergleich von ihm mit einer Pute oder mit Hühnern keine Zweifel daran lässt, was sie von ihm halten?

– Es könnte schon sein dass Wladimir Putin den Song gehört hat. Ich möchte hier klarstellen, dass der Song NICHT gegen Wladimir Putin ist! Jeder der genau auf den Text hört, wird das auch merken!

Uns geht es in erster Linie um die Tatsache, dass auch bei uns in Westeuropa große Teile der Bevölkerung eine gemäßigte Diktatur unterstützten würden, und dagegen lehnen wir uns auf!

Und natürlich soll das Lied auf das Leid der Menschen in der Ukraine aufmerksam machen. 

– Warum haben sie sich entschieden ausgerechnet über Putin ein Lied zu schreiben? Was denken sie über dieses Staatsoberhaupt?

– Wie gesagt, wir sind nicht gegen Putin. Er ist ein vom Volk gewählter Präsident und genießt in Russland einen hohen Rückhalt in der eigenen Bevölkerung. Und genau das ist es, was uns Angst macht. Dass sich eben

viele Menschen nach einer starken Führung sehnen. Leider ist das unserer Meinung nach auch in vielen anderen westlichen Industriestaaten der Fall, und deshalb haben wir den Song geschrieben.

– Sie haben über die Krim gesungen und darüber, dass die Ukraine versucht sich dem russischen Einfluss zu entziehen, was besagt, dass sie über  die Geschehnisse in der Ukraine auf dem Laufenden sind. Dennoch - wie sehr verfolgen sie politische Ereignisse, darunter die in der Ukraine, tatsächlich? Machen sie sich Sorgen? Haben sie Freunde in der Ukraine?

– Wir sind politisch sehr interessiert und wir beobachten den Konflikt in der Ukraine schon von Beginn an. Die Ukraine wird hier zerrieben zwischen Ost und West. Als Kind habe ich auch mit großem Interesse die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verfolgt. Uns tun die Menschen dort einfach leid weil sie immer wieder mit großen Problemen konfrontiert sind, vor allem jetzt mit dem Krieg im eigenen Land.

Und ja, wir machen uns große Sorgen und wir wünschen uns, dass alle beteiligten Parteien endliche Frieden schließen.

– Was denken sie generell über den russisch-ukrainischen Konflikt?

– Im Krieg kann es nur Verlierer geben. Russland und die Ukraine sind voneinander abhängig und wir sind davon überzeugt, dass es nur eine friedliche Lösung des Konflikts geben kann. Wir hoffen dass sich die

Gewaltspirale nicht zu weit dreht.

– Verstehen sie, dass dort echter Krieg herrscht, das nicht irgendein zwischenstaatlicher Konflikt ist?

– Ja, das verstehen wir und deshalb machen wir uns auch große Sorgen. Es sterben jeden Tag Menschen dort und das kann und darf einfach nicht sein!

– Welchen Ausweg aus dem Konflikt sehen Sie oder sehen Sie überhaupt einen?

– Die USA, Russland und Europa müssen sich einfach "zusammenreißen" und eine friedliche Lösung anstreben. Und es geht nur, wenn jeder bereit ist, Kompromisse einzugehen. Dieses "Großmachtdenken" aus dem kalten Krieg muss ein Ende haben!

– Träumen denn tatsächlich viele Menschen in der Welt von einer "starken Hand"? Zählen Sie sich zu den Globalisierungsgegnern, Revolutionären oder Befürwortern linker Bewegungen?

– Nein, wir zählen uns nicht zu den Globalisierungsgegnern, Revolutionären und linken Bewegung. Wir sind glühende Anhänger der Demokratie! Wir sind davon überzeugt dass nur die Demokratie die persönliche Freiheit eines jeden Einzelnen sicherstellen kann. Und wir haben das Gefühl, dass eben diese Wertschätzung für die Demokratie auch bei uns in den westlichen Industriestaaten gesunken ist und deshalb haben wir dieses Lied geschrieben.

– Denken Sie, dass die Politik Putins eine Gefahr für Europa darstellt?

– Nein, das denken wir nicht.

– Erzählen Sie ein wenig über ihre Gruppe. Wie hat alles angefangen und welche Pläne haben Sie jetzt nach der zuteil gewordenen Bekanntheit? Wer gehört zur Band? Wie viele Albumtitel haben Sie veröffentlicht, wie viele Videos gedreht?

– "Wladimir" ist unser erster Song, den wir veröffentlicht haben. Und wir wollen natürlich noch weitere Songs veröffentlichen. Angefangen hat alles im Herbst 2014, wir haben damals beschlossen, dass wir ein Bandprojekt mit witzigen, und provokanten Dialekt-Texten starten wollen. 

Zur Band gehören Urgos Brutalos (Drums), Gina der Gino (Vokals), Wehrmann Schrüll (Git), Rekrut Nikoleiew (Bass) und meine Wenigkeit (General Geri - Vocals)

– Sie haben vor kurzem auf dem Festival des Protestsongs den 1. Platz errungen. Was ist das für ein Festival, mit welchen Liedern sind Sie aufgetreten bzw. haben Sie gewonnen, was ist für Sie Protest in der Musik und ist er für Sie wichtig? Was ist für Sie wichtiger - Musik oder Text, die Unterhaltung des Publikums oder der soziale Aspekt ihres Schaffens?

– Der Protestsong-Contest ist eine Veranstaltung in Österreich, bei der Songs mit Protest-Charakter bewertet werden. Zu unserer eigenen Überraschung haben wir mit "Wladimir" gewonnen (jeder Teilnehmer darf nur mit einem Song antreten).

Uns ist der soziale Aspekt und die inhaltliche Aussage am Wichtigsten, wobei wir unsere Themen witzig und musikalisch ansprechend verpacken wollen, und ich denke, dass uns das mit "Wladimir" sehr gut gelungen ist.

– Ihrem Tourplan zufolge haben Sie vor in Russland, unter anderem auch in Tschetschenien zu spielen. Haben Sie keine Bedenken nach dem Erfolg des Putin-Songs? Sind sie schon in Russland oder in der Ukraine gewesen? Gibt es Einladungen in die Ukraine?

– Ja, diese Tour war tatsächlich geplant, jedoch mussten wir diese Tour leider wegen massiven sicherheitstechnischen Bedenken absagen.

Und nein, wir waren noch nie in Russland und in der Ukraine (leider). Und ja, es gibt Einladungen aus der Ukraine, aber wie gesagt: Derzeit wäre ein Konzert vor Ort einfach zu gefährlich für uns.

– Haben Sie den Wunsch, über eine andere bekannte politische Person ein Lied zu schreiben?

– Es gibt viele Ideen in diese Richtung! Lassen Sie sich überraschen!

Abschließend möchten wir hier nochmals klarstellen, dass wir Herrn Putin in keinster Weise beleidigen oder "durch den Kakao" ziehen wollen! Wir sehen in vielen westlichen Industriestaaten die Demokratie in Gefahr und genau das ist die Kernaussage vom Song.

Interview: Igor Magrilov
Kommunikation: Valerija Pintschuk
Übersetzung: Valerija Pintschuk, Irina Bondas, Martina Steis
Foto:
Rammelhof, Pascal Riesinger, Perdurabo Film